Dienstag, 10 Dezember 2019

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Revolution 1918 und die Further SPD

Artikel in der Chamer Zeitung vom 10.11.2018
 
Als sich die Further „Sozis“ wehrten
 
Revolution in der Grenzstadt: Heute vor 100 Jahren meldete sich die SPD erstmals zu Wort
 
Die Further SPD kommt in der Lokalpresse vor hundert Jahren bis Kriegsende 1918 nicht vor. Die einzige Zeitung „Der Bayerische Wald - Anzeiger für die Stadt Furth und deren Umgebung“ war ein bürgerliches Blatt, das in der Regel viermal in der Woche erschien, vier Seiten umfasste, wobei die letzte Seite den Anzeigen gehörte. Mit einem Inserat am 12. November 1918 – also genau vor 100 Jahren – wehrten sich die Genossen gegen Vorwürfe, sie würden zum Plündern aufrufen. Das erste öffentliche Lebenszeichen der Further SPD.
 
Keine Plünderungen

Die Schlagzeile am Samstag, 9. November, im „Bayerischen Wald“ lautete: „Revolution in München.“ Diese Ereignisse im fernen München brachten die Further Sozialdemokraten erstmals in die Lokalpresse, denn am Dienstag, 12. November, erscheint im „Bayerischen Wald“ der Aufruf der hiesigen sozialdemokratischen Partei: „An unsere Mitbürger!“, titelt dieser, unterschrieben mit „Silberhorn, Senior“. Dieser wendet sich gegen Gerüchte, dass die hiesigen Sozialdemokraten das Offizierskasino und Kaufläden überfallen und plündern wollen. „Dass hiervon nicht der leiseste Hauch eines solchen verwerflichen Aktes und Absicht ist oder war, sollte jeder, mit einigermaßen Kenntnis versehene Politiker überzeugt sein und kann eine solche Glaubwürdigkeit nur als Frucht langjähriger politisierender Zentrumsgeistlichkeit betrachtet werden“, heißt es in dem Zeitungstext. Wie unruhig diese Zeit wenige Tage nach Kriegsende war, illustrieren die Veranstaltungen um das Wochenende 23./24. November 1918. Am 23. November erscheint ein Aufruf in der Lokalzeitung, dass am Abend des gleichen Tages „um 7 Uhr im Gasthaus des Silberhorn Senior eine SPD-Sektionsvorstandssitzung“ stattfinden soll, und zwar mit einer Ergänzungswahl des Arbeiterrates. Dieser Arbeiterrat bestand nämlich zum Verdruss der Sozialdemokraten in der Hauptsache aus lauter selbstständig Gewerbetreibenden. „Es solle der Gerechtigkeit halber und auch den hiesigen Arbeitern eine ihnen gebührende Vertretung in den Arbeiterrat gewählt werden.“ Silberhorn dachte da in erster Linie an die sozialdemokratische Arbeiterschaft. Philipp Margeth, seit 18. November 1916 SPD-Ortsvorsitzender, lud für Sonntag, 24. November, ins „Gasthaus zum Bay“ zu einer öffentlichen Volksversammlung ein. Thema: Revolution und Republik. Redner sollte der Schriftführer des provisorischen National-Rats Kurt Vogel aus Nürnberg sein. Über diese SPD-Versammlung berichtete am 26. November die Lokalzeitung, dass sie sehr gut besucht war. „Die Ausführungen des Redners Vogel „waren sehr sachlich und ruhig gehalten. Nur machte er den alten Parteien den Vorwurf der Treulosigkeit, weil sie sich jetzt auch zur Republik bekennen“, hieß es. Dr. Voll trat ihm entgegen und meinte, dass diese „Treulosigkeit“ zur Vermeidung eines Bürgerkriegs geschehe und verlangte unter Beifall einen Bürgerrat für Furth. „Eine zugereiste Frau sprach noch von dem großen Glück der Frauen, dass sie jetzt auch wählen dürfen“, da die Sozialdemokraten ja das Frauenwahlrecht initiiert hatte. Nur ein paar Stunden später waren ledige und verheiratete Frauen ab 20 Jahren ins Gesellenhaus zum Thema „Das Wahlrecht der Frauen“ eingeladen. Einberufer war – um das Feld vermutlich nicht ganz den Sozialdemokraten zu überlassen – Pfarrer Josef Heigl. Auch die Bayrische Volkspartei umwarb die Frauen in Verbindung mit Mütterverein, Frauenverein vom Roten Kreuz, Arbeiterinnen-Verein und Jungfrauenkongregation im Rahmen einer Frauenversammlung am Sonntag, 1. Dezember, im kleinen Saal des Gesellenhauses.

Flugblätter vor der Kirche

„Die Wirren der Revolutionszeit schlugen auf Furth über. Am Stadtplatz demonstrierten unabhängige Sozialdemokraten und Kommunisten gegen die alten Parteien und für die Internationale“. Der konservative Bürgermeister Anton Kerner wird gezwungen, hinter der roten Fahne einherzumarschieren und die linken Parolen des Wortführers Philipp Margeth anzuhören. Bitterer Ernst, wie in der Landeshauptstadt, wird die Revolution in der Grenzstadt freilich nicht“, heißt die Zusammenfassung über die Zeit in der Further Stadtchronik 1982. Im Januar 1919 klärte wenigstens das Wahlergebnis zur Deutschen Nationalversammlung ein wenig die Fronten. Die Bayerische Volkspartei, ein Vorläufer der CSU, und die Sozialdemokraten waren die beiden größten Parteien. Im Bezirk Cham und Waldmünchen war die Bayerische Volkspartei der Sieger, im Bezirk Kötzting waren es die Sozialdemokraten. Die „Sozis“ gewannen in Grabitz, Ränkam, Gleißenberg, Stachesried, Neukirchen b. Hl Blut und Herzogau. In Furth unterlagen die Sozialdemokraten mit 835 zu 914 Stimmen, obwohl (oder weil) sie am 4. Januar 1919 sämtliche Ausgänge der Stadtpfarrkirche besetzt hatten, um Flugblätter zu verteilen.